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4. Koinon-Tagung: Norm und Transgression in der antiken Welt.

Bericht zur Tagung

 Von Anja Pfeiffer

Sektion 1.JPGVom 30.-31. August 2018 fand im Seminar für Alte Geschichte das vierte Nachwuchskolloquium statt, das mit der Unterstützung des Vereins Minervia e.V. realisiert wurde. Thema waren gesellschaftliche Normen, Transgressionen und Normwandel in antiken Gesellschaften. Die Tagung fand bei NachwuchswissenschaftlerInnen im In- und Ausland Beachtung und bot Platz für fünfzehn spannende Vorträge. Von der Archaik bis zur römischen Kaiserzeit waren alle Teilepochen der Antike vertreten. Untersuchungsgegenstand waren vor allem literarische Zeugnisse antiker Autoren, epische, poetische, historiographische, tragische und rhetorische Werke, aber auch archäologische Zeugnisse. Die Vorträge waren zu mehreren Themenkomplexen zusammengefasst und endeten jeweils mit einer gemeinsamen Diskussion der Vorträge, sodass einige Aspekte epochenübergreifend diskutiert werden konnten und sich interessante Querverbindungen ergaben.

Tag 1 - Donnerstag, 30. August 2018

Sektion 0.JPGDer erste Tag begann mit einem Themenkomplex zu Norm und Transgression im Kontext Militär und Krieg und wurde von Janico Albrecht (Bonn/Erfurt) und Lennart Gilhaus (Bonn) eröffnet: JANICO ALBRECHT beschäftigte sich mit der Truppenmoral in der römischen Republik und fragte, welche psychologischen Folgen Transgressionen der Truppe haben können. Er betonte, dass von Soldaten begangene Greueltaten, das Potential hatten, die Truppe zusammenzuschweißen und enger an den Befehlshaber zu binden, wenn er auf eine Sanktion der Transgression verzichtete. Thema des Vortrags von LENNART GILHAUS war Schadenfreude bei Xenophon. Er hob die narrative Funktion von Freude und Schadenfreude in den Hellenika hervor und sowie ihre Ambivalenz. So konnte Schadenfreude kontextabhängig als Tugend oder Laster bewertet werden und auch der Kritik von Personen und Kriegsparteien dienen.


Das Thema wurde in der zweiten Sektion wieder aufgegriffen: FLORIAN FELDHOFER (Wien) untersuchte die Berichte über die Belagerung von Tyros durch Alexander den Großen und stellte physische und moralische Grenzüberschreitung Alexanders aber auch der Kriegsgegner heraus. Dies führte zur Eskalation des Konflikts. Alexander sei mit beispielloser Härte gegen die Polis und ihre Einwohner vorgegangen, die nach der Eroberung vernichtet wurden. Den Aspekt der physischen Grenzüberschreitung des Meeres, den Florian Feldhover zu Beginn seines Vortrags betonte, griff LAURA KERSTEN (Berlin) in ihrem Vortrag über die Herrschaftsansprüche des Sextus Pompeius wider auf. Sie legte den Fokus auf seine Inszenierung als Sohn des Neptun, die in den Berichten als Normverletzung und Hybris bewertet wurde. Sie konnte zeigen, dass die negative Bewertung dieser Transgression nicht festgesetzt war, sondern einem Wertewandel unterlag, da die Inszenierung des Augustus als divi filius akzeptiert wurde. PHILIPP BROCKKÖTTER (Gießen) schloss die Sektion mit seinem Vortrag zur Normtransgression bei Lucan. Sein Fokus lag auf dem Bürgerkrieg und der Beurteilung der Normüberschreitungen durch die Akteure Caesar, Cato, Pompeius und Augustus. Er stellte die Ambivalenz der Darstellung heraus, in der Transgressionen nicht immer zur Niederlage führten, sondern auch den militärischen Erfolg der Akteure bedingen konnten.


In der letzten Sektion dieses Tages beschäftigte sich STELLA THEODORAKI (Alcala, Spanien) mit dem Tyrannisversuch des Kylon und dem Frevel der Alkmeioniden als Normverletzungen. Sie verglich die ambivalente Darstellung und Bewertung des Kylon als Transgressor in den verschiedenen Überlieferungen. MARIE-CHARLOTTE VON LEHSTEN (Mainz) untersuchte in ihrem Vortrag die Rolle der Nacht als Zeit von Transgression in der frühen griechischen Literatur. Sie hob insbesondere hervor, dass bewusst begangene physische und moralische Grenzüberschreitungen vor allem zu nächtlicher Stunde stattfanden. Die Nacht ermöglichte Heimlichkeit, machte aber auch anfällig für Fehldeutungen normkonformen Verhaltens als Transgressionen.


Mit diesem Vortrag wurde auf den öffentlichen Abendvortrag übergeleitet, der von PROF. DR. ELKE HARTMANN (Darmstadt) gehalten wurde. Sie thematisierte in ihrem Vortrag das Nachtleben junger Aristokraten in Rom. Darin untersuchte sie die grassatio junger Aristokraten, die gemeinsam mit jungen Männern der plebs nachts verschiedentliche gewaltsame Normverstöße beginnen. Es habe sich um eine bestimmte Altersgruppe gehandelt, für die sich die grassatio institutionalisiert hatte, die von den Zeitgenossen ambivalent wahrgenommen wurde. Sie habe der Emanzipation der Aristokratensöhne, der Aushandlung sozialer Hierarchien innerhalb der Elite und der Etablierung patronaler Beziehungen zur plebs gedient. Versuche, die Jugendgewalt einzudämmen waren nur teilweise erfolgreich. Die grassatio sei bis in die hohe Kaiserzeit nachzuweisen.

Tag 2 - Freitag, 31. August 2018


Der nächste Tag stand vor allem im Zeichen von kulturellen, gesellschaftlichen und vor allem geschlechterhistorischen Fragestellungen: KATHARINA UTE MANN (Köln) machte den Auftakt mit einem Vortrag zur Transgression in der griechischen und römischen Malerei. Sie untersuchte, wie Grenzüberschreitungen und Innovationen in der Malerei zu einem Wandel im Kunstverständnis und in der Darstellung führen können. Beispielsweise habe sich die assoziative Farbgebung der Geschlechter – Männer wurden mit dunkler Haut, Frauen mit heller dargestellt – in klassischer Zeit hin zu einer individualisierten und natürlicheren Darstellung des Menschen gewandelt. IMOGEN HERRAD (Bonn) untersuchte in ihrem Vortrag die Rolle von Transgression und Revolution in Sparta. Wie in keiner anderen Polis des antiken Griechenlands war das Leben der Spartaner durch strenge Disziplin und dem bedingungslosen Befolgen von Befehlen geprägt. Der Fokus lag auf Regelbrüchen und Ungehorsam als Transgression, deren Bewertung und Erfolg, die anhand der Biographien berühmter Spartaner des Plutarch analysiert wurden. MARIE JOSELIN DÜSENBERG (Berlin) schloss die Sektion mit einem Beitrag zur Konstruktion und Funktion machtbewusster Frauen bei Tacitus ab. Sie analysierte die literarische Ausgestaltung der jüngeren Agrippina und Boudiccas und konnte zeigten, dass beide Frauen als dux femina durch ihre Herrschaftsansprüche männliche konnotierte Räume erobern, und weibliche Werte und Normen überschreiten. Die Abkehr von der passiven, fürsorglichen Rolle der Frau wird als Normbruch negativ bewertet.


In der nächsten Sektion befasste sich ANNE GÜRLACH (Rostock) mit der gesellschaftlichen Rolle der Frau am Beispiel des griechischen Artemis-Kultes. Frauen konnten in diesem Rahmen unabhängig von ihrem Ehemann als selbständig handelnde Person auftreten. Weiterhin dienten verschiedene in Artemisheiligtümern durchgeführte Riten der Initiation junger Mädchen, ihrer Transformation von einer Jungfrau zur Braut und Mutter. Dabei wurden Normen einerseits überschritten, andererseits aber bekräftigt, denn nach Beendigung der Riten wurde die gesellschaftliche Ordnung wiederhergestellt. Im Anschluss untersuchte FABIAN NEUWAHL (Köln) religiöse Normüberschreitungen in den Seuchenbeschreibungen des Lukrez und des Vergil. Die Abwandlung von religiösen Normen und Regulativen erscheint darin als Folge eines Massensterbens. Während sie bei Lukrez als Reaktion auf die Ausweglosigkeit der Situation den Geltungsverlust der religio anzeigt, ist sie bei Vergil Ausdruck eines Festhaltens der Menschen an der religio und des Versuchs mit allen Mitteln die göttliche Ordnung wiederherzustellen.


In der letzten Sektion untersuchte BEATRICE GAVAZZA (Perugia, Italien) Homosexualität im antiken Griechenland am Beispiel des Tragikers Agathon. Sie stellte die Gemeinsamkeiten und Unterschiede in der Darstellung des Agathon bei Aristophanes und Platon heraus, und fragte, warum das Erscheinungsbild und Verhalten des Agathon von den Normen abweicht, bei ersterem als Normbruch bewertet und kritisiert wird, bei letzterem aber keine negative Bewertung erfährt. In dem letzten Vortrag untersuchte ANJA PFEIFFER (Bonn) Familienkonflikte anhand griechischer Gerichtsreden. Sie fokussiert auf die ideale Norm der Familie als Solidargemeinschaft, deren Mitglieder sich in allen Lebenslagen unterstützen. In den Gerichtsreden werden häufig Verstöße gegen dieses Solidargebot vor allem von den nächsten Verwandten kritisiert und als Normbrüche gewertet. Diese Normbrüche konnten mit rechtliche Schritte aber auch innerfamiliär mit dem Ausschluss des Delinquenten aus dieser Solidargemeinschaft sanktioniert werden.


In der abschließenden Diskussionsrunde wurden verschiedenste Aspekte von Normüberschreitungen noch einmal aufgegriffen. Dabei wurde betont, dass Normen antiker Gesellschaften in den Quellen häufig erst durch ihre Verletzung sichtbar werden. Es wurde vielfach auf die ambivalente Bewertung von Transgressionen verwiesen, die zeit-, kontext- und ergebnisabhängig war. Nicht zuletzt konnten die verschiedenen Beiträge die Bandbreite gesellschaftlicher Normen und Normüberschreitungen aufzeigen, die sich physisch oder moralisch abspielen konnten und im militärische, kulturellen oder im sozialen Kontext stattfanden.
 Tag 2018 Gruppe

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