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3. Koinon-Tagung: Gewalt und Wirtschaft

Nachlese, oder: der etwas andere Tagungsbericht

Gewalt und Wirtschaft in antiken Gesellschaften – (K)eine Räuberpistole?

Von Stephanie Kirsch & Jennifer Stracke

 

Das Thema des diesjährigen von Koinon organisierten Nachwuchskolloquiums war innovativ gewählt: Gewalt und Wirtschaft in antiken Gesellschaften. Zwar zählt die Gewaltforschung in den Altertumswissenschaften zu einem der produktivsten Forschungsgebiete der letzten zwanzig Jahre, ihr mannigfaltiges Zusammenspiel mit antiker Wirtschaft wurde dabei jedoch mehr als vernachlässigt. Aber welche Perspektiven bietet dieser Ansatz und ist hier wirklich mehr zu holen als eine Untersuchung zu den Wahr- und Unwahrheiten antiker Piraterie und Räubergeschichten? Ein perfekter Ansatzpunkt, um sich auszutoben. Ein perfekter Ansatzpunkt für eine Koinon-Nachwuchstagung.
Vom 19. bis 20. Mai konnte mit freundlicher Unterstützung des Graduiertenkollegs 1878: „Archäologie vormoderner Wirtschaftsräume“ und des Vereins Minervia e.V. das Nachwuchskolloquium in den Räumen der Bonner Alten Geschichte stattfinden. Die fünfzehn Diskutanten und einige Gäste wagten sich auf eine teils abenteuerliche Reise von der späten Bronzezeit bis in die Spätantike und von Nordgallien bis Ägypten. Hierbei wurden viele spannende Ansätze an einem breiten Quellenspektrum erprobt, das sich nicht auf rein ökonomische Schriften beschränkte, sondern von Gerichtsreden, über Briefe, Gedichte, Fluchtäfelchen bis hin zum antiken Roman nahezu einen Überblick über die antike Überlieferungslage bot. Diese teils sehr heterogene und lückenhafte Quellenlage war jedoch auch immer wieder Thema der Diskussion, die durch die vorgestellten Fallstudien, Forschungsüberblicke und Präsentationen neuer Ansätze Perspektiven und Grenzen der Forschung zur „Gewalt und Wirtschaft in antiken Gesellschaften“   auszuloten suchte.

 

Tag 1 - Aus der späten Bronzezeit ins Athen des 4. Jh.

Drei Themenstränge zogen sich durch den ersten Tag, der zeitlich ein Spektrum von der späten Bronzezeit bis ins Athen des 5. und 4. Jh. v.Chr. bot: die Frage nach der Zeitgebundenheit moderner Forschungsansätze, die Frage nach der Bedeutung des Nichtgesagten in den Quellen und die Frage nach der Instrumentalisierung von Gewalt in ökonomischen Konkurrenzsituationen.  

Gesamtansicht FRDie Tagung startete mit einer Warnung. LUKAS BOHNENKÄMPER (Basel) behandelte in seinem Vortrag „Peace is a lie: Die Seevölker zwischen Migration und Fernhandel“ die Forschungsgeschichte der Seevölker. Gerade die Zeitgebundenheit der verschiedenen Forschungstheorien in wissenschaftsgeschichtlicher Perspektive und die auffälligen Konjunkturen von wirtschaftlichen Erklärungsstrategien im Hinblick auf das jeweilige Weltgeschehen mahnten zur Vorsicht bei allzu einseitig wirtschaftsgeschichtlichen Deutungsweisen bestimmter Gewaltphänomene. Von der späten Bronzezeit ging es dann übergangslos in die griechische Welt. Die nächsten Vorträge befassten sich unter ganz unterschiedlichen Blickwinkeln verschiedenen Fallstudien. UWE HERRMANN (Kiel) widmete sich in seinem Vortrag „Gewalt als Wirtschaftsform? Krieg, Raub und Beute in den homerischen Epen“ der Bedeutung von Raub für die Helden der Epen und stellte die These auf, dass sich Raub aufgrund der hohen Risiken für die etablierten basileis eigentlich gar nicht lohnte. HermannJULIA-CARINA TULLIUS (Tübingen), „Ökonomische Interessen in der Dichtung des Tyrtaios? Motivation und Legitimation von Gewalt zur wirtschaftlichen Absicherung im archaischen Sparta“, versuchte anhand der Tyrtaios-Fragmente die wirtschaftlichen Motivationen des 1. Messenischen Krieges und vor allem deren Instrumentalisierung während des 2. Messenischen Krieges durch Tyrtaios nachzuweisen. Von Sparta ging es dann nach Athen, dessen reiche Quellenlage Fokuspunkt der Untersuchungen des Nachmittags blieb. STEPHANIE KIRSCH (Bonn) betrachtete in ihrer Fallstudie „Was wellt ihr lieber jetzt: verhandelt sei oder Hunger leide? (Aristoph. Ach. 734) – Der Krieg, der Markt und das Kapital Kind im Athen des Aristophanes“  die Kontexte von Gewalt und Wirtschaft bei Aristophanes und fragte danach, inwiefern die immer wieder auftretenden Kinder in den Komödien als Ressource bzw. Kapitalform beschrieben werden und wie verschiedene Formen von Gewalthandlungen den Umgang mit dieser Ressource beeinflussen können.Gesamt Jen JENNIFER STRACKE (Bonn) beschäftigte sich in ihrem Vortrag „Wir prozessieren hier nicht um eine Kleinigkeit, sondern um unser ganzes Vermögen. – Wirtschaftliche Konkurrenz in Gerichtsreden?“ mit der Bedeutung von monetären Ressourcen für die aktive Teilhabe am bürgerlichen Leben sowie den Konsequenzen eines Verlusts derselben, wie es etwa durch einen verlorenen Prozess geschehen konnte. Politische Konkurrenz konnte über wirtschaftliche Faktoren entschieden werden. THORSTEN BEIGEL (Wuppertal) wandte sich der ökonomischen Literatur zu und stellte in seinem Vortrag „Kennt Not kein Gebot? – Griechische Staatswirtschaft zwischen aporia und euporia“ v.a. anhand der Poroi des Xenophons fest, dass zwar der prosperierende Staat vor allem auch als kriegstüchtiger Staat zu verstehen sei, Gewalt ganz generell in dieser Literaturgattung jedoch unterrepräsentiert ist.Beigel Der viel diskutierte Beitrag von OLIVER BRUNS (Oldenburg) zu „Gewalt und Notwendigkeit als Grundaxiome der Theorie vom Sklaven von Natur bei Aristoteles“ stellte ausgehend von der aristotelischen  Empfehlung, dass der Herr mit dem Sklaven befreundet sein solle, die Definitionen von Sklaven, Physis und Menschsein im Werk des Aristoteles vor und verband diese mit dem Gewaltdiskurs. Diese philosophische Betrachtungsweise lud dazu ein, noch einmal im Plenum über die – auch werksintern nicht einheitlichen – Vorstellungen des Aristoteles zu reflektieren und über die Zusammenhänge von Sklaven- und Menschensicht sowie von Haushalt und politischer Herrschaft und die dabei verwendeten Formen von Gewalt zu diskutieren.

Der öffentliche Abendvortrag von PROF. DR. ARMIN EICH (Wuppertal), „Klassen und Klassenkonflikte in antiken Gesellschaften. Zur paradoxen Wahrnehmung eines umstrittenen Phänomens“, wandte sich zum Abschluss des ersten Tages noch einmal Problemen der Forschungsgeschichte zu und formulierte ein Plädoyer für einen unvoreingenommenen Blick auf Konflikte in den Quellen. Gewaltpotenziale entstehen, so Eich, nicht nur durch politische oder religiöse Auseinandersetzungen sondern sind laut der antiken Überlieferung viel häufiger, als es die moderne Forschung wahrhaben wollte, Konsequenz von Konflikten, deren Ausgangspunkt die durch die ökonomischen Rahmenbedingungen geprägte  Sozialstruktur antiker Gesellschaften bildet.       

Tag 2 - Wirtschaftsflüche, Terrorismus und „Gewaltmärkte“

Gesamt ChrisDer zweite Tag weitete den Blick erneut auf die nicht-athenischen Quellen und begann mit einer sehr speziellen Quellenart: KIRSTEN JAHN (Magdeburg) zog für ihren Vortrag mit dem Titel „Wirtschaftsflüche - Magische Gewalt im antiken Wirtschaftsleben?“ die Fluchtafeln zu Rate und zeigte anhand der Hinweise auf Berufe und ökonomische Zusammenhänge, wie man sich der wirtschaftlichen Konkurrenz durch verbale Gewalt zu entledigen suchte; die überaus explizite Sprache dieses Mediums war dahingehend sehr eindeutig. Dass sich Gewalt in wirtschaftlichen Interaktionen auch in den überlieferten Papyri nachweisen lässt, zeigte PATRICK REINARD (Trier) mit seinem Beitrag zu „Gewalt und Wirtschaft im griechisch-römischen Ägypten. Eine Fallstudie zu Petitionen und Briefen“. Die Eingaben enthalten Beschwerden und Klagen über Diebstahl und Raub, amtliche Briefe belegen die Bedrohung oder Erpressung eines Konkurrenten. Aber auch Maßnahmen zum Schutz lassen sich aus dem erhaltenen Material erkennen; eine Reaktion von staatlicher Seite zur Eingrenzung der Gewalt ist hier deutlich belegt. Von den dokumentarischen zu den literarischen Quellen wechselnd, rückten im Beitrag von CHRISTIAN WEIGEL (Bonn) im Folgenden die antiken Liebes- und Abenteuerromane  in den Fokus. Der Vortrag „Freibeuter der Herzen – Piraterie im antiken Roman zwischen literarischer Funktion und ökonomischer Realität“ widmete sich dem in der Antike allgegenwärtigen Phänomen der Piraterie, dem in der Erzählprosa eine wichtige Bedeutung als Handlungselement zukommt. Die Darstellung der Piraten konnte hier etwas ausführlicher und differenzierter erfolgen und ließ einen Blick auf ihre ganz unterschiedlichen (wirtschaftlichen) Motivationen zu, die hinter dem Bruch der gesellschaftlichen Normen stehen.Weggen Ausgehend von modernen Ansätzen der Terrorismusforschung fragte KATHARINA WEGGEN (Gießen) in ihrem Beitrag „Die Ökonomie des Terrors – Überlegungen zum Zusammenhang zwischen wirtschaftlicher Macht, elitären Tätern und dem Eskalationsgrad von Gewalt in antiken Gesellschaften“ nach antiken Handlungsformen, die unter Terrorismus fallen könnten. Mittels kriminalistischer Methoden versuchte sie daraufhin an den von ihr gewählten antiken Beispielen Täter, Ausführende, Motive und Eskalationsgrade zu bestimmen. Mit dem Beitrag von JULIA HOFFMANN-SALZ (Köln), „Ein Hort der Räuber? Die Trachonitis in augusteischer Zeit“, rückte wieder vermehrt die Frage nach der Einseitigkeit der Überlieferungslage in den Vordergrund. Mit Hilfe archäologischer, epigraphischer und numismatischer Quellen machte Hoffmann-Salz deutlich, dass es sich bei der in den Werken des Flavius Josephus und des Strabon als Land der Räuber verschrienen Trachonitis (im heutigen südl. Syrien) tatsächlich um eine für den Handel in der Region wichtige Landschaft handelte, deren ituräische Kontrolle in fremder Überlieferung eine negative Darstellung fand.Hoffmann Die beiden abschließenden Vorträge des Kolloquiums richteten die Aufmerksamkeit zuletzt auf die nördlichen Provinzen des römischen Reiches und testeten aus, inwiefern Georg Elwerts Konzept des „Gewaltmarktes“ für die althistorische Forschung nutzbar gemacht werden kann. MICHAEL ZERJADTKE (Hamburg) richtete sein Augenmerk in seinem Vortrag „Raubzug und Beute als Ursprung symbolischen und ökonomischen Kapitals im Germanien des 1. Jahrhunderts“ auf die Bedeutung von geraubten Gütern im römisch-germanischen Konflikt. So zeigt er, dass die germanische Gesellschaft weniger durch ein Unabhängigkeitsbestreben, sondern mehr noch aufgrund der geringen eigenen wirtschaftlichen Mittel motiviert waren, als Krieger Prestige durch Beute zu erlangen. Der soziale Aufstieg durch gewalttätige Raubzüge wurde demnach nicht nur geduldet, sondern gefördert. ZerjadtkeÄhnliches legte LENNART GILHAUS (Bonn) in seinem Vortrag „Nordgallien im späteren fünften Jahrhundert n. Chr. – Der postimperiale Raum als Gewaltmarkt“ für einen zeitlich später zu verortenden Vorgang dar. Chlodwig I. trat zunächst mit einem dem heutigen warlord entsprechenden funktional-gewalttätigen Auftreten in Erscheinung; durch Raubzüge und situative Bekämpfung von Rivalen suchte er seine Macht zu stärken. Im Moment seiner größten Ressourcenakkumulation änderte Chlodwig seine Strategie und schwenkte um auf eine territoriale Herrschaftskonsolidierung mit gezielter Ausschaltung von Rivalen.

In der abschließenden Diskussionsrunde konnten dann noch einmal die wichtigsten begrifflichen wie konzeptuellen Probleme angesprochen werden. Gerade die Fragen nach den Begrifflichkeiten wie Gewalt, Klasse und Terrorismus und der Übertragbarkeit moderner Konzepte auf die antiken Quellen sowie eine Reflexion über die Überlieferungslage bildeten die Kernpunkte der lebhaften Diskussion. Trotz der uns oft fehlenden Insider-Perspektive speziell bei Gewaltgemeinschaften, der Einseitigkeit der Quellen und der oft lückenhaften Überlieferungslage wurde aber deutlich, dass sich eine Auseinandersetzungen mit den Tabus, rationalen Kalkülen und expressiven Gewalthandlungen im Kontext wirtschaftlichen Denkens und Handelns mehr als lohnt. Letztlich bleibt wohl festzuhalten, dass die Forschung zum Zusammenspiel von Gewalt und Wirtschaft in antiken Gesellschaften weit mehr zu bieten hat als Räubergeschichte. In Kombination mit modernen sozialwissenschaftlichen Ansätzen und genauen Quellenstudien bietet sie ganz im Gegenteil einiges an Perspektive.
 

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